Echte Panzer unter der VR-Haube fahren
Panzerfahren mit der Oculus Rift. Making View entwickelt für das norwegische Militär eine VR-Fahrhilfe.

Echte Panzer unter der VR-Haube fahren

Die norwegische Armee experimentiert mit der Oculus Rift als Panzerfahrer-Brille. Zusammen mit den eigentlichen zivilen Experten von Making View, deren Kunden üblicherweise Red Bull oder auch Oakley sind, arbeitet das Norwegian Battle Lab and Experimentation (NOBLE) an einer echten Rundumsicht für Panzerfahrer. Mittels vierer außen angebrachter sphäerischer Kameras erhält ein Computer im Panzer die nötigen Informationen und verarbeitet diese dann zu einer 360-Grad-Sicht für den Fahrer. Der kann jetzt auch ohne Fahrkommando des Kommandanten selbständig situativ entscheiden. Größte Herausforderung für die Entwickler ist es die kugelförmigen Aufnahmen wieder verzerrungsfrei darzustellen. Tatsächlich ist der mögliche Sichtwinkel über die Fahrzeugseite damit bei 185 Grad, die von der Oculus aber nicht ganz in einer Sicht dargestellt werden können.

Wer einmal in seinem Leben in einem Panzer durch das Gelände walzte, kann sich in der Regel nur an die heftigen Erschütterungen und die Scheuklappen-Perspektive erinnern. Aus der Sicht der Mannschaft sieht (mal vom Ladeschützen abgesehen, der sieht gar nix), jeder einen bestimmten Ausschnitt der Umgebung des Panzers. Keiner hat aber einen echten Überblick. Muss der Stahlkoloss rückwärts fahren, steuert der Fahrer blind auf Sprachkommandos des Kommandanten. Mit einem Fahrzeug, das sich zur Not den Weg freiwalzt, klingt das schlimmer, als es ist. Trotzdem wäre gerade in Rückwärtsfahrt etwas mehr Überblick für den Fahrer wünschenswert. Lösungen hat die Waffenindustrie dafür viele ersonnen: Winkelspiegel, durchsichtiges Aluminium, Periskope und Rückfahrkameras. Eine Fahrt über Luke gibt es nur in Friedenszeiten und im Film. Eingeschlossen im Stahlsarg ist die Mannschaft auf die wenige optische Sensorik angewiesen. Der Ansatz mit VR hier mehr Umsicht zu schaffen, ist daher ein gewaltiger Schritt nach vorne.

Wer sich eine Panzerfahrt mit Oculus mal im Video ansehen mag, kann sich den Clip hier ansehen: Panzerfahrt mit Oculus Rift.

Die Möglichkeiten, die eine Augmentation der VR-Sicht ermöglicht, sind allerdings noch deutlich vielschichtiger. So ist jetzt schon eine Anzeige des Fahrweges möglich, den das Kettenfahrzeug mit aktueller Kettenstellung nehmen wird. Außerdem können in späteren Versionen auch Karten, Wegpunkte, Navigationsdaten, Cockpit-Infos und vieles mehr in das Sichtfeld des Fahrers geblendet werden. Coole Technik, vor allem, weil hier die VR einzig der Sicherheit der Besatzung dient. Als Waffentechnik ist die Oculus Rift bislang nicht geeignet. Der Richtschütze arbeitet mit Vergrößerungs-Optiken (mit und ohne Sichtverbesserung). Seinem Blickwinkel wird automatisch die Waffe mitgeführt. Eine VR des Zielortes, der sich in der Regel weit über 1000 Meter vom Fahrzeug entfernt befindet, ist nicht verfügbar.

Problematisch derzeit sei allerdings die Motion Sickness, die durch die technischen Eigenschaften eines VR-HMDs hervorgerufen wird. Die allgemeine Übelkeit, die Panzerfahrer durch ihr eingeschränktes Sichtfeld oftmals erleiden, wird aber im Gegenzug reduziert. Die Tests erfolgten mit dem ersten Development Kit der Oculus Rift. Die Berechnungen liefen bislang auf einem handelsüblichen PC. Selbst die Kameras sind für das Militär mit 2000 Euro das Stück echte Schnäppchen. Üblicherweise kosten Kameras für ähnliche Einsatzzwecke jenseits der 100.000 Euro, erklärt Major Oden, Projektverantwortlicher von NOBLE. Auch VR-HMDs für militärische Zwecke kosten in etwa 100 mal so viel wie eine Oculus Rift.

Interessantes Detail: Major Oden begrüßt den Kauf von OculusVR durch Facebook. Aus seiner Perspektive sei dies gut, weil hier der finanzielle Hintergrund für eine fortwährende Entwicklung sorge. Diese Unbefangenheit mit der Privatwirtschaft zusammenzuarbeiten, sorgte wohl auch für die Auswahl von Making View als Entwicklungspartner. Üblicherweise erzeugt dieses Team VR-Erfahrungen aus dem Bereich Rennsport oder dem Flugsport mit Wingsuit oder Propeller-Maschine. Es ist das erste militärische Projekt der VR-Entwickler und angesichts der genannten Preise, die das Militär offensichtlich sonst zahlt auf jeden Fall ein Schnäppchen.

 

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